26./27.09.2015 – Delhi in zwei Tagen…

ist ambitioniert und machbar. Wir haben den Plan, wir haben den Vorsatz und natürlich die Energie, aber vor allem die erforderliche Geduld.

Zur Entspannung lohnt es, zwischendurch einen Stopp am Connaught Place einzulegen, wo es alle Annehmlichkeiten gibt, die der Stadterkunder sucht: Snacks, Kaffee, indisch McDonalds, Bänke zum Rasten und Schauen.Hier unsere Stationen im alten Teil von Dehli. Sich dort mobil zwischendrin einzelnen Anlaufstellen zu bewegen, ist schwieriger, zeitraubender, lauter – eben einfach indischer.

Jama Masjid

Jama Masjid

Qutub Minar

Qutub Minar

P1020460 Rotes Fort - Lal Qila 1648

Humayun's Tomb

Humayuns Grab

Des Proporzes wegen, keiner soll ja zu kurz kommen, haben wir die Heiligtümer der 3 großen klerikalen Richtungen (Hindus, Siks, Muslime) besucht. Der Religionskritiker in unserem kleinen Team vorzugsweise nur als Aussenbetrachter, während die in klerikalen Angelegenheiten Gelassenere sich schon mal darauf einließ, den Tempel zu besuchen und die Innenansichten auf sich wirken zu lassen.

Eingang zum Hanuman Tempel

Eingang zum Hanuman Tempel

Seltsam, wie das spirituelle Wesen Indiens auch von Religionen Besitz ergreift, die eher für ihren Dogmatismus bekannt sind.

Lakshmi Tempel

Lakshmi Tempel

Gurudwara Bangla Sahib, der große Tempel der Sikhs in Delhi

Gurudwara Bangla Sahib, der große Tempel der Sikhs in Delhi

Muslime in Nizamuddin

Muslime in Nizamuddin

Die Strukturen und Abläufe in muslimischen Einrichtungen sind uns geläufig. Neu war uns die indische Variante, jedem Besucher einen Gabenteller in die Hand zu drücken, der dann im Inneren der Moschee in einer zeremoniellen Abfertigung abgegeben wird. Der Gabenteller ist übrigens nicht für ein „vergelt’s Gott“ zu bekommen, sondern muss vom Besucher bezahlt werden. Auch hier werden wieder feine Unterschiede zwischen In- und Ausländern gemacht. Letztere müssen einfach mehr darum kämpfen, mit einem angemessenen Preis davon zu kommen. Aber das schärft die Sinne, insbesondere, wenn man bereits etwas betagter ist.

Die überall vorhandene Religiosität fällt dem europäischen Besucher zuerst ins Auge. Kein Bereich, wo nicht Gurus und Swamis herumwieseln, die Hand aufhalten um Donations einzusammeln und dir dafür ein Blessing schenken, also einen kleinen Segen, der dir im Alltag Glück schenken soll. Da man aber niemals unmäßig sein sollte, sind wir auch mit den Segnungen eher spartanisch umgegangen und haben die meisten dankend abgelehnt. Wir wissen, dass wir damit das Geschäftsmodell der professionellen Kleriker in Frage stellen, aber bei den gigantischen Umsätzen, die in diesem Sektor ganz offensichtlich gemacht werden, sind das nicht mal Peanuts.

India Gate by night

India Gate by night

Weniger aufdringlich geben sich die Religionen im Neu(en) Delhi. Beim India Gate befinden sich auffallend viele Jüngere, die einfach nur Spaß und Unterhaltung suchen. Die Stimmung dort ist fast volksfesthaft und ausgesprochen locker (für indische Verhältnisse).

Snacks und Entspannung lassen sich schön mit einem Besuch des Khan Markets verbinden, wo man eine große Auswahl an Kuchen, Keksen, Obst und Säften findet. Wir haben dort nach Lust und Laune eingekauft und alles bei einem Picknick im nahe gelegenen Lodi Garden verspeist.

im Lodi Garden

im Lodi Garden

Dieser herrliche Park bietet dem Erholungsuchenden das alles: freier Eintritt – was nicht selbstverständlich ist – schattige Wege zwischen wunderbar angelegten Rasen- und Baumflächen, kleine Seen, Bänke zum Ausruhen und eine schier überirdische Ruhe. Obwohl mitten in der Stadt, ist kaum etwas vom ständig anwesenden Verkehrslärm zu hören, selbst die Auspuffgerüche scheinen verbannt zu sein. Idyllisch ist er ganz gewiss, dieser kleine Park und niemals langweilig. Und wer Streifenhörnchen in Natur beobachten will, ist hier goldrichtig.

Delhi zu verlassen fiel uns trotz der vielen tollen Eindrücke nicht schwer, schließlich hieß die nächste Station Agra, bekannt in aller Welt durch das Taj Mahal. Für die Fahrt dorthin erlaubten wir uns den Luxus eines Mietwagens mit Fahrer. Eine durchaus bezahlbare Bequemlichkeit… und überhaupt, wir werden noch mehr als genug mit Bahn und Bussen unterwegs sein.

27.09.2015 – Zwei Tage Delhi

Was macht man eigentlich in einer Riesenstadt wie Delhi? Ich vermute, alle Menschen, die unterwegs sind, machen mehr oder weniger das gleiche, als da wäre: Besichtigungen, Einkäufe, Essen, Organisieren (nämlich die Weiterfahrt, wenn es kein Daueraufenthalt werden soll). P1060931 KopieLetzteres wird kaum einem in den Sinn kommen, der seine Reise frei planen darf, jedenfalls haben wir noch niemand getroffen, der freiwillig in Delhi hängen geblieben ist. Was sich unterscheidet, ist sicher die Art und Weise, die einzelnen Aktivitäten anzugehen. Sie sauber voneinander zu trennen ist dann manchmal schon eine Herausforderung. Da wir noch nie organisierte Touren in Anspruch genommen haben, halten wir es so, ausgerüstet mit einem Reiseführer – etwa den Lonely Planet – das Thema anzugehen. Hier wären jetzt die ersten standing ovations für uns fällig. Wer schon mal die Druckausgabe des Lonely Planet Indien in der Hand gehabt hat, weiß, wie schwer das Buch wiegt. So einen Wälzer herumzuschleppen bei gefühlten 45 Grad Hitze, ist wahrlich brutal. Aber auch hier hilft inzwischen die Technik in Form von nützlichen Apps, die tatsächlich praktisch enorm helfen. maps.me ist so ein Tool. Eine Karte, die auch offline funktioniert und im Zusammenspiel mit GPS genial ist. Also im Hotel die Sehenswürdigkeiten, Shoppingcenter oder Restaurants heraussuchen, eintragen und einfach loslaufen. Wer sich dann das IPad direkt vors Gesicht hält, kann gar nicht in die falsche Richtung gehen. Er kann aber das Pech haben, angerempelt, geschupst oder weggedrängt zu werden, also erster Tipp hier: immer schön auf Straßen und Verkehr achten.

Irgendwann kommt der Touri darauf, dass eine Besichtigung von Delhi per Pedes nicht das Wahre ist. Die Stadt ist schlichtweg zu groß, zu heiß zu nervig für den Fußgänger. Die Entscheidung, sich in eines dieser zigtausend Tuck-Tucks zu werfen ist eine ganz natürliche, der sich auch ein ausgemachter Läufer nicht zu schämen braucht. Sie sind billig, willig und kommen quasi überall hin. Sinnvoll ist es auf jeden Fall, schon eine gewisse Ahnung über die Entfernung zum Ziel mitzubringen. Der Tuck-Tuck-Fahrer ist im allgemeinen nämlich mit der Fähigkeit ausgestattet, den Fremdling blitzschnell als solchen zu identifizieren und in Bruchteilen von Nanosekunden den Fahrpreis um ein Vielfaches zu erhöhen. Ich vermute, dass ist keine rationale Entscheidung, sondern eine Art von Reflex, so wie bei einem Raucher der Griff zum Feuerzeug. Wir sollten ihnen deswegen nicht böse sein, sondern den Superfahrpreis mit einem Supergrinsen und einem Superdumping parieren. In aller Regel gelangt man damit zu einem angemessenen Preis von A nach B, wäre da nicht noch die Uncle-Shop Nummer.

Jeder Tuck-Tuck-Fahrer ist gezwungen, sein Geschäftsmodell auszubauen. Anders lässt es sich kaum überleben. Das zweite Standbein ist das Kommissionsgeschäft. Offenbar ist das Zuführen von Kunden in Indien eine gute Erwerbsquelle. Hotels, Restaurants, Geschäfte zahlen dafür, dass ihnen Kunden ins Haus gebracht werden. Praktisch heißt das nichts anderes, dass es gar nicht selbstverständlich ist, von A nach B zu kommen, sondern meistens versucht der Fahrer einen Punkt C einzubauen.Einen Zwischenhalt zum Einkaufen, Essen etc. Weil viele Fremde sich solchen Vorschlägen verschließen, baut der clevere Tuck-Tuck-Fahrer eine emotionale Variante ein. Er will dich nicht zu einem x-beliebigen Laden bringen, nein, es ist der seines Onkels. Wer bringt es schon übers Herz, so eine Bitte abzuschlagen? Antwort: WIR.

Derart gerüstet haben wir es unternommen, die Highlights von Old und New Delhi zu sehen. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass Besichtigungen nicht nur bilden, sondern auch ein ungeheures Selbstwertgefühl aufbauen. Das ständige Erleben beim Erwerb von Eintrittskarten ist ein erhebendes: Ausländer. Egal ob begütert, wie ein Pensionsempfänger oder arm, wie ein Student auf Semesterferien müssen überall ein Vielfaches von dem bezahlen, was Einheimische zu löhnen haben, egal ob Paria oder Maharadscha. Es ist gut zu wissen, wie hoch man doch als Ausländer in Indien geschätzt wird. So muss der ausländische Tourist beispielsweise für die Besichtigung des Taj Mahals 37,5 mal mehr bezahlen als ein Inder.

26.09.2015 – Ankunft in Delhi

Jeder Marathon beginnt mit dem ersten Schritt. Das wissen wir als Läufer und tatsächlich ist das, was wir gerade vorhaben, eine der Superlangstrecke vergleichbare Auszeit, wenn man bisher nie mehr als 4 oder 5 Wochen am Stück Urlaub gemacht hat. Sei’s drum, unser erster Schritt begann am 26. September 2015 mit dem Verlassen der Ankunftshalle des Indira Gandhi Flughafens in Neu Delhi. Der erste kleine Schock war die Auskunft am Schalter eines Taxidienstes, dass die Fahrt in die City im klimatisierten Taxi 1.400 Rupien kosten sollte; das war im Vergleich zum Preis bei unserem letzten Besuch im April eine Steigerung von schlappen 40 Prozent!

Nicht mit uns, wir sind ja keine Neulinge. Waren da nicht die sogenannten Prepaid Taxis, eine reelle und abzockfreie Form der Taxibuchung? Richtig angewendet funktioniert sie so: Der Kunde nennt in einem Buchungsbüro sein Ziel. Dann wird der korrekte Fahrpreis ermittelt, der Kunde bezahlt und erhält eine Art Fahrschein, der dem Taxifahrer ausgehändigt wird, wenn man angekommen ist. Es findet kein Geldaustausch zwischen Fahrer und Kunden statt, der Preis bleibt wie er festgesetzt wurde, egal welche Umwege der Fahrer für nötig hält. Nach getaner Arbeit bekommt der Fahrer sein Honorar vom Prepaid-Taxi-Büro.

Eigentlich eine narrensichere Angelegenheit. Aber wir wären nicht in Indien, wenn sich nicht doch der eine oder andere Ankömmling zum Narren mache ließe. Heute waren wir dran, hatten das Pech auf die Mutter aller Abgefeimtheiten zu treffen, einen Trick, den wir noch nicht kannten. Und der funktioniert wie folgt:

Phase 1: Der Fisch wird geködert

Der Fisch, also wir, total übernächtigt, mühsam und beladen, leicht frustriert ob der Information, dass Taxis schon wieder teurer geworden waren, wird von einem jovial lächelnden Inder angesprochen „Taxi please?“ Fisch antwortet „only prepaid taxi, to the city.“ Jovialer Inder: „Yes, prepaid, just 400 Rupien“ und der Fisch folgt dem Jovialen. Im Gewühl übergibt uns der Joviale an eine jungen, smart wirkenden Inder. Smartie begleitet uns zu einer Straße, die etwas abseits liegt und ruft über Telefon einen Wagen,der sich prompt nähert. Unsere kurze Rückfrage „Taxi? – Price 400?“ wird mit Kopfnicken, einem als englisches „yes“ identifizierbarem Wort bestätigt und schon sitzen wir hinter zwei Männern auf der Rückbank eines Mittelklasseautos und lassen uns stadteinwärts bringen.

Phase 2: Der Fisch soll ausgenommen werden

Nach vielleicht einer halben Stunde Fahrt, gedämpfter Konversation (einige diese Inder sind halt nicht auf Anhieb zu verstehen) landen wir vor einer Straßensperre. Der Beifahrer dreht sich um und macht uns klar, dass wegen des Opferfestes der Muslime einige Straßen gänzlich gesperrt seien. Viel zu gefährlich um etwa zu Fuß unterwegs zu sein, aber man würde versuchen, uns über Umwege ins Hotel zu bringen. Nach einigen Straßen auf und ab Fehlanzeige.Es gibt keine Zufahrt. Inzwischen sind wir hellwach und machen deutlich, dass wir zu unserem und keinem anderen Hotel wollen. Die Atmosphäre lädt sich auf. Es gäbe Hilfe, wird uns versichert; da sei nämlich eine Tourist-Information ganz in der Nähe, dort könne man 24 Stunden rund um die Uhr Rat und Hilfe bekommen.

Phase 3: Der sich wehrende Fisch soll weichgeklopft werden

In der Tourist-Information, die erstaunlich geschäftig wirkt – immerhin ist es erst 6 Uhr morgens – betreut uns sofort ein freundlicher Inder, der auch noch hervorragend Englisch spricht und sofort zum Telefon greift, um in unserem Hotel anzufragen, was zu tun sei. Dort meldet sich ein Security-Mitarbeiter, der bestätigt, dass die Zufahrtsstraße auf unbestimmte Zeit gesperrt sei, er aber versuchen würde, den Hotelmanager zu erreichen, der in 10 Minuten zurückrufe. Als sich nichts rührt, wird für uns ein zweites Mal im Hotel angerufen. Der Security-Mann bestätigt dieses Mal mir persönlich, dass es kein Durchkommen gäbe. Da wir auf unserem Vorhaben beharren, in genau das Hotel gefahren zu werden, das wir gebucht haben,ruft man uns auf unseren Wunsch ein Tuck-Tuck, also eine Motorradrikscha. Die Idee ist, dass wir uns mit diesem kleinen Gefährt über Nebenstraßen so weit als möglich ans Hotel bringen lassen. Das erste Taxi wird ausgezahlt, mit 400 Rupien wie vereinbart. Der Tuck-Tuck-Fahrer ist bereit, uns für 500 Rupien über Schleichwege, die nur er kenne, zum Hotel zu bringen.

Phase 4: Der Fisch entwischt vom Haken

Gemeinsam tuckern P1070438wir in den frühen Morgen und erkennen bald auch die Straße, in die wir hinein müssten, die Sunder Nagar. Kurzer Stopp, da nähert sich ein wichtig wirkend wollender Mann. Er fragt, wo wir hin wollten und verbietet die Weiterfahrt, als wir unser Hotel erwähnen. Er zückt sogar einen Plastikausweis, auf dem irgendwas mit Government of India zu erkennen ist. Er wird lauter und aggressiver, als wir deutlich machen, dass wir nun die Polizei rufen wollen. Auf unsere lautstarke Intervention macht unser Tuck-Tuck endlich kehrt, rast davon, biegt ab und erreicht nach weiteren 10 Minuten auf wundersame Weise unser Hotel. P1060892 KopieDer Fahrer bekommt den Fahrpreis, wir – froh endlich angekommen zu sein – betreten das Hotel, wo man uns erwartet hat. Wir berichten, was wir erlebt haben, aber niemand kann bestätigen, dass irgendwelche Straßen gesperrt seien. Nein, Anrufe aus einer Touristen-Information habe es keine gegeben. Die Straßen-sperren, die wir gesehen haben, sind immer da und dienen dazu, die Schönen und Reichen dieses Wohnviertels vor ungewollten Eindringlingen zu schützen und nicht, um Besucher abzuhalten.

Egal, wir waren jetzt in unserer Unterkunft, könnten entspannen und rätseln noch heute, was der Sinn dieser Inszenierung überhaupt gewesen sein mochte. Der Hotelmanager, der uns übrigens diese erste Nacht nicht berechnet hat, meinte, es ginge darum, uns in ein anderes Hotel zu lotsen. Nur unserer Beharrlichkeit hätten wir es zu verdanken, dass dieser Trick mit uns nicht funktioniert habe.

Damit waren wir also in Neu Delhi, bereit uns zu erholen, bereit für die nächsten Abenteuer.